Was geht in Hunden vor, wie nehmen sie wahr und warum verhalten sie sich so unterschiedlich bei verschiedenen Artgenossen oder Menschen? Miriam Heruth geht diesen Fragen aus einer ungewöhnlichen Perspektive nach: der ihres Hundes Jamie, eines Dalmatiners, dessen Lebensgeschichte erzählt wird.
Ein erhellendes Werk über die Kommunikation zwischen Hund und Mensch und zugleich eine bewegende
Biografie – eines Vier- und eines Zweibeiners.


„Durch meine Hunde
habe ich gelernt, das Hier
und Jetzt zu genießen. Das
macht mich frei.“

 

 

 

 

 

„Jamies bedingungslose Liebe, die Annahme dessen, wie ich bin, und seine unersättliche Hingabe, mit mir eine Gemeinschaft bilden zu wollen, ließ mich etwas Neues wagen. Ich begann, seine Geschichten festzuhalten. Ich war Zuhörerin und Handlangerin in einem. Der wahre Erzähler aber ist Jamie."

 

 

 

 

Über das Buch

Die Verbindung von Mensch und Hund ist eng, und dies seit Jahrtausenden. Und doch gibt es große
Unsicherheiten und Missverständnisse zwischen beiden, gibt es Vernachlässigung und Misshandlung,
aufopferungsvolle Zuwendung und Fürsorge, tatsächlich beiderseits.
Dies ist die Geschichte von Jamie, einem Dalmatiner, den Esther aus prekären Verhältnissen rettet. Was
sie zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnt: Dieser Hund wird ihr Leben und ihre Fähigkeiten von Grund auf verändern ...

 

 

 

 

 

 

Miriam Heruth,
Jg. 1963, ist selbstständige Osteopathin. In ihrem Beruf benötigt sie
eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit, durch Fortbildungen hat
sie dies für ganz besondere Wahrnehmungsbereiche, die im Alltag
kaum genutzt werden, sensibilisiert. Weitere Fortbildungen zum

Thema Tierkommunikation erlauben es ihr, im Zusammenleben mit

ihren Hunden, deren vielfältige Kommunikationsebenen untereinander zu erkennen und letztendlich von ihren Hunden zu lernen, wie der Mensch mit ihnen eine Einheit bilden kann. Eine besondere Begabung.

 

 

 

 

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Interview nach der Buchlesung

 

 

 


Für diejenigen, die weiterlesen möchten, ein Auszug aus einer Lesung.

 

Ich liege auf der Gartenliege, Jamie drängt sich neben mich. Die Wärme, die sein schwarz gepunktetes Fell ausstrahlt, ist mir an diesem heißen Sommertag zu viel, ich stehe auf und lege mich auf die Hollywoodschaukel. Jamie folgt mir wie ein Schatten. Schwupps – liegt sein Kopf wieder auf meinem Oberschenkel. Kann es denn anders sein! Ich habe einen Hund, der ständig auf Tuchfühlung zu mir geht, wie Pattex klebt er an mir. Wenn ich mich bei unseren Spaziergängen in die Wiese lege, drückt er sich eng an mich und genießt seine Streicheleinheiten. Sitze ich auf dem Sofa, quetscht er sich zwischen mich und die Sofakissen.

Hunde verfügen über eine unglaublich starke Herzenergie – selbst nach so schlimmen Erfahrungen, wie Jamie sie erleben musste, versöhnen sie sich wieder mit den Menschen und stürzen sich voller Liebe in ein neues „Abenteuer Mensch“. So auch mein Jamie, der einen miserablen Start ins Leben hatte und doch in kürzester Zeit Vertrauen zu mir fasste. Was für ein Geschenk! Nicht zu glauben, dass er, als ich ihn kennenlernte, ein stumpfes Fell hatte und abgemagert war. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich sein leerer, hoffnungsloser Blick in einen Ausdruck purer Lebensfreude. Wenn ich ihn beobachtete, wie er glücklich hopsend sein Plüschtier in die Luft warf, mit einem Stock wie ein Rodeopferd über die Wiese galoppierte oder in wilder Hatz mit seinen Hundefreunden über die Felder raste, dann wurde mein Herz weit. Jamie Lebensfreude war zu hundert Prozent ansteckend.

Unser Zusammenleben war nicht einfach, es gab Höhen und Tiefen. Seine chronischen Krankheiten, die wohl den schlechten Lebensbedingungen in seinen ersten eineinhalb Lebensjahren geschuldet waren, machten uns beiden zu schaffen. Viele Tierarztbesuche und viele Nächte mit wenig Schlaf waren der Preis. Und trotzdem war er in jedem einzelnen Moment für mich eine totale Bereicherung.

Soweit es in unserer Macht stand, haben wir einander gut getan. Jamie hat durch mich eine Chance bekommen, doch noch ein hundegerechtes Leben zu leben; ich bin dankbar, „dass ich es ihm ermöglichen durfte.“. Doch das größere Geschenk hat Jamie mir gemacht. Bevor ich ihn traf, war ich mit meinem Leben zufrieden, es war alles in Ordnung. Doch Jamie hat es auf eine ganz neue Ebene gehoben. Ich wohne heute anders, arbeite anders, fühle anders. Dank Jamie habe ich einen wacheren Blick für mich und meine Bedürfnisse. Ich lebe weniger in der Vergangenheit und habe weniger Sorgen für die Zukunft. Durch Jamie erkannte ich, wie wichtig es ist, das Hier und Jetzt willkommen zu heißen.

Jamie ist nicht mehr da, und doch ist er ein unverzichtbarer Teil meines Lebens.

 

 

 

 

 

 

Es war nicht das erste Mal, dass mir dieses Malheur passierte. Seit ich in diese Familie gekommen bin, leide ich unter Durchfall. Das liegt am Futter – und an der zunehmenden Angst, meinen Besitzern nichts recht zu machen. Je wütender sie werden, desto mehr krampft sich alles in mir zusammen. Jedes Mal, wenn mir etwas daneben geht, schäme ich mich und drehe meinen Kopf beschwichtigend zur Seite – ohne Erfolg. Die Bewohner des Hauses drücken meine Schnauze in meinen Kot. Widerlich – wie ich das hasse! Dann muss ich den Rest der Nacht im kalten Schuppen verbringen. Erst wenn die Sonne aufgeht, wird mir wieder warm.

Auch gestern Abend war es wieder so weit. Mit steifen Beinen stand mein Besitzer vor mir, türmte sich zu einer riesigen Gestalt auf und starrte mich mit hasserfüllten Augen an. Seine Körperhaltung und sein starrer Blick flößten mir schon genug Angst ein, aber sein Geruch ließ mich erstarren. Brüllend packte er mich am Nacken und zog mich hinter sich her. „Schon wieder muss ich wegen dir aufstehen! Es stinkt im ganzen Haus – jetzt reicht‘s!“

Er schleifte mich die Stufen von der Terrasse hinunter. Auf dem Weg zum Gartenschuppen warf ich meinen Kopf hin und her, hoffte zu entkommen, doch sein Griff wurde immer fester. Wie in einer Schraubzwinge gefangen wurde ich emporgezogen, meine Vorderläufe verloren den Halt, und er geiferte mir ins Ohr: „Lass das!“ Mit der freien Hand öffnete er die Schuppentür, mit der anderen schleuderte er mich im hohen Bogen hinein. Dann knallte die Tür zu. Ich spürte die Erschütterungen seiner Schritte und hörte seine Gedanken: „Jetzt kann ich endlich weiterschlafen.“

Nun liege ich wieder einmal hier im Verschlag. Einsam und frierend. Ich schlafe ein. Finde im Schlaf Ruhe und Vergessen, bis mich der alarmierende Geruch von Zigarettenrauch weckt. Meine Rückenhaare sträuben sich. Der Qualm, vermischt sich mit den Ausdünstungen meines Besitzers, quillt durch die Ritzen des Stalls zu mir, bis die mit Adrenalin geschwängerte Luft mir den Atem nimmt.

Ich kenne das Ritual. Auch jetzt steht mein Besitzer wieder vor der Tür des Schuppens, in Lederhose, Lederjacke und Motorradhelm – der Geruch ist eindeutig. So geschützt will er mich scharf machen. In der einen Hand eine Zigarette, in der anderen den Knüppel. Vor beidem habe ich große Angst: vor dem Knüppel, wenn er zuschlägt, und vor der Zigarette, wenn er die glühende Spitze in mein Fell drückt. Anfangs wusste ich nicht, warum er so wütend ist und zuschlägt. Irgendwann dämmerte mir, dass ich ihn angreifen und in den Stock beißen soll. Aber ich ängstigte mich davor zuzubeißen.

Vorsichtig dränge ich mich an die Wand neben der Tür. Höre, wie der Schlüssel sich knarrend im Schloss dreht, und sehe, wie die Klinke herunterdrückt wird. Meine Beine drohen vor Angst nachzugeben. Es gibt für mich keinen Ausweg.

Die Tür öffnet sich.

 

 

 

 

Unglaublich, wie sich die Ereignisse in der letzten Woche überschlagen haben! Ich schaue über den Bettrand hinweg in schwarz-braune Hundeaugen. Fast ein bisschen unheimlich, wie sie den Boden meiner Seele betrachten. Jamie, den Namen habe ich ausgesucht, weil er sanft und leicht klingt. Er liegt in seinem Korb neben meinem Bett in der Sonne und blinzelt mir zu.

Ich drehe mich auf den Rücken, schaue auf den pink-orangefarbenen Gleitschirm, den ich über meinem Bett aufgehängt habe. Was wird nun aus meinen Urlaubsreisen, aus den faszinierenden Begegnungen mit wild lebenden Delfinen, dem brasilianischen Dschungel? Und was wird aus Jochen? Soll ich ihn anrufen? – NEIN. Jochen hatte sich schon immer einen Hund gewünscht. Aber ich war strikt dagegen gewesen. Wie soll ich ihm erklären, dass ich mir praktisch über Nacht einen Hund aufgehalst habe? Obwohl – „praktisch über Nacht“ stimmt gar nicht. Ich drehe mich auf die Seite und betrachte, wie sich Jamies Brustkorb hebt und senkt. Er liegt dort, als hätte er das schon immer getan.

Vor eineinhalb Jahren, es muss die Zeit gewesen sein, in der Jamie geboren wurde, besuchte ich mit einer Kollegin eine Fortbildung im Arthur Findlay College bei London, um meine Wahrnehmung als Osteopathin zu schulen. Uns Teilnehmer einte die Neugier, Dinge, die wir nicht sehen, nicht erfassen können, trotzdem wahrzunehmen. Denn da ist eine Welt, die parallel zu unserer bewussten Welt existiert. Wir alle verfügen über eine intuitive Wahrnehmung (manche nennen es auch Bauchgefühl), welche uns in Kontakt zu anderen Lebewesen bringt, uns aber auch vor Gefahren und falschem Handeln warnt – vorausgesetzt, wir hören zu und finden Zugang zu unserem Bauchgefühl. Mit ein wenig Training hat jeder Mensch die Fähigkeit, dieses Unbewusste in sein Bewusstsein zu holen.

Und hier in England, schlich sich ohne Vorwarnung ein Hund in mein Leben. Plötzlich, von einem Moment auf den anderen, saß ein Hund neben mir in dem Schulungsraum. Das war nicht etwa so eine kleine Träumerei, so in der Art: „Ach, das wär irgendwie nett, wenn ich einen Hund hier neben mir hätte …“ Der Hund schien ganz real zu sein, es war so, als ob ich ihn aus dem Augenwinkel sehen konnte. Sobald ich aber hinsah, war er verschwunden. Ich konnte seine Nähe tatsächlich spüren, so wie man spürt, wenn ein Mensch hinter einem steht. Es war ein großer Hund, kein Welpe, die Rasse konnte ich nicht erkennen. Als virtueller Schatten begleitete er mich Tag und Nacht, erfüllte mein Leben mit einer unbekannten Sehnsucht. Seit diesem einen Tag, der einen Sekunde, als er plötzlich neben mir saß, verließ mich der Gedanke nicht mehr, irgendwann einen Hund zu haben.

 

Esther: Ich will dich Jamie nennen. Mit dem neuen Namen soll auch dein neues Leben beginnen. Jamie – gefällt dir der Name?

Jamie: Egal, Hauptsache ein anderer Name als der, der mir so viel Unglück gebracht hat.

Esther: Du sollst es ab heute gut haben.

Jamie: Weißt du, dass ich schon oft von diesem Kofferraum geträumt habe? Wenn ich vor Angst und Kälte zitterte, dann half mir der Gedanke an diesen Raum hier, in dem ich mich geborgen fühle. Er gab mir Kraft und Zuversicht und den Mut, durchzuhalten. Selbst die Kälte in mir vertrieb er eine Zeit lang. So hielt er mich letztendlich am Leben.

Esther: Jetzt ist mir klar, warum du so schnell ins Auto gesprungen bist! Ich hatte mich schon gewundert … Es ist merkwürdig, auch ich kenne dich schon seit langem, obwohl wir uns gerade zum ersten Mal begegnet sind. Ich habe dich schon neben mir sitzen sehen, da warst du gerade erst geboren. Aber das erzähle ich dir ein anderes Mal.“

Jamie: Und warum hat das so lange gedauert, bis du mich gefunden hast?

Esther: Wo hätte ich dich denn suchen sollen?

Jamie: Wie wäre es denn mal mit Zuhören gewesen? Wir stehen doch seit Anfang an in Verbindung; ich hätte dir postwendend ein Bild geschickt.

Esther: Hätte ich das denn lesen können? Ich bin nicht so geübt im Umgang mit Hunden. Ich will ja noch ganz viel von dir lernen. Und vielleicht war ja die Zeit noch nicht reif – wer weiß? Ich weiß nur, dass ich mir letzten Samstag spontan ein Auto gekauft habe, in das auch ein großer Hund hineinpasst. Und gleich am folgenden Montag erzählte mir eine meiner Patientinnen von dir. Sie ist nämlich deine Züchterin und sie war ganz verzweifelt, weil sie dich in die falschen Hände abgegeben hatte. Sie fragte mich, ob nicht ich dich nehmen könne. Und exakt zur selben Zeit ist dein alter Besitzer bereit, dich gehen zu lassen. Ist das alles nicht wie ein Wunder? Und nun liegst du hier in meinem Wagen. Noch Fragen?

Jamie: Ich bin jetzt eineinhalb Jahre alt. Und die meiste Zeit meines Lebens musste ich die Hölle durchlaufen. Fast wäre ich daran zugrunde gegangen. Das habe ich nicht verdient. Kein Lebewesen hat so etwas verdient. Jetzt will ich leben und meine Träume verwirklichen. Umwege kann ich mir nicht mehr leisten.

Esther: Da bleibt uns beiden wohl nichts anderes übrig, als uns zusammenzuraufen, stimmt’s? Es scheint ja Bestimmung zu sein, dass wir von nun an gemeinsam durchs Leben gehen. Wie sieht‘s aus? Sollen wir es miteinander versuchen?

Ich bekomme keine Antwort mehr von dem Hund, der hinten im Kofferraum auf den weichen Decken liegt. Er ist eingeschlafen.

 

 

Ich genieße mein neues Leben in vollen Zügen. Aber es gibt immer noch viele Situationen, die Angst in mir auslösen, und dann bin ich heilfroh, Esther schützend neben mir zu wissen. Die Stadt mit ihren lauten Geräuschen macht mich ganz nervös. Und dann ist da noch die Sache mit dem Auf-den-Kopf-Gepatsche.

Wenn wir unsere Wohnung verlassen, bleibt nicht selten jemand bei uns stehen und sagt: „Was für ein schöner Hund!“ Gleichzeitig fasst er mir auf den Kopf. Dann zucke ich jedes Mal erschrocken zurück, mache mich klein, lecke kurz über meinen Fang und hoffe, dass er mir nicht weh tut. An diese Unsitte der Menschen, dass sie einen anfassen, bevor ich sie ausgiebig beschnüffeln durfte, gewöhne ich mich nur sehr langsam. Wenn ich einem Hund meine Schnauze auf den Nacken lege, zeige ich ihm deutlich: „Ich bin stärker und du hast dich mir unterzuordnen!“ Die Schnauze auf seinen Kopf zu legen, ist unter uns Hunden fast schon als tätlicher Angriff zu werten. Und dann wundern sich Menschen, wenn wir unfreundlich werden und sie anknurren, wenn sie uns ungefragt am Kopf anfassen! Ich selber allerdings traue mich nicht, Menschen anzuknurren. Ich unterdrücke den Impuls, weil ich es so gelernt habe.

Ich beobachte Esther am anderen Ende der Leine und merke sofort, dass auch sie es nicht schätzt, wenn ein wildfremder Mensch ihr zu nahe kommt. Ihr Körper versteift sich dann und ihr Geruch wechselt, wird beißender. Für mich ist das ein Aha-Erlebnis: Auch Menschen kommunizieren über Körpersprache. Aber ich habe den Eindruck, das ist ihnen nicht immer bewusst. Erstaunlich, was für ein Durcheinander in ihnen herrschen muss, wenn sie dauernd Signale aussenden und keine Ahnung davon haben, was sie da eigentlich tun.

Wir Hunde sind da viel klarer. Wir taxieren uns schon von weitem ab und erkennen anhand der Körperhaltung unseres Gegenübers, ob wir Ärger kriegen, Ärger wollen oder eine stressfreie Bekanntschaft machen werden. Doch die Körpersprache ist nur ein Informationskanal für uns. Dazu kommen das Lesen von Gedanken und unser Geruchssinn. Was dünstet der andere aus? Angst, Wut, Aggression? Oder Freude, endlich einen Kameraden zu treffen? In meinen Genen sind die Grundzüge dieser Hundesprachen verankert, aber mir fehlen das Feintuning und die Übung mit Artgenossen.

 

Esther: Jamie, verdammt – das hätte ins Auge gehen können! Stell dir vor, die Reiterin hätte sich verletzt – kaum auszudenken. Und was für ein Glück, dass das Pferd nach fünfzig Metern stehen blieb und nicht auf die Straße rannte!

Jamie: Das war doch nicht meine Schuld! Von dem Gaul wollte ich doch nichts. Warum sind Pferde nur so schreckhaft?

Esther: Wenn so etwas noch ein einziges Mal passiert, kommst du unters Messer. Zweimal die Woche gehen wir zum Hundetraining, damit du endlich lernst, das zu tun, was ich von dir erwarte. Und dann machst du so einen Mist!

Jamie: Meinetwegen können wir das mit dem Training auch lassen. Ich habe dir schon hundert Mal erzählt, wie das geht: Du musst das, was du willst, ausstrahlen, vollkommen klar sein und es mir mit deiner Körperhaltung eindeutig zeigen. Wie wäre es denn mal mit zuhören? … Äh – unters Messer? Was meinst du eigentlich damit?

Esther: Die Kastration möchte ich dir ersparen. Falls du mich hören kannst, merke es dir gut: Eine zweite Chance bekommst du nicht.

Jamie: Jaja. Aber jetzt ist auch mal gut. Ist ja nichts passiert. Ach je, es geht noch weiter …

Esther: Ich dachte, wir hätten es endlich geschafft, du bist ja auch viel ruhiger geworden. Aber dein Verhalten anderen Hunden gegenüber ist nicht akzeptabel. Jedes Mal, wenn wir auf einen fremden Hund treffen, bin ich in Alarmstimmung. Gibt es eine Keilerei, oder kannst du dich heute benehmen?

Jamie: Ich bin nun mal ein dominanter Hund.

Esther: Ich weiß. Und genau dieses dominante Verhalten geht mir echt auf die Nerven. Dass du dich auf jeden Rüden stürzt, dessen Nase dir nicht passt, macht mir Sorgen. Zweimal bist du schon ernsthaft gebissen worden – und die Schuld dafür lag nicht bei den anderen Hunden!

Jamie: Echt? War da was?

Esther: Ich weiß genau, dass sich meine Anspannung auf dich überträgt, aber was soll ich tun? Meine Angst, dass du wegen deines Herumpöbelns wieder gebissen wirst, kann ich nicht abstellen.

Jamie: Ich kann doch nichts dafür, dass ich nichts mehr mitbekomme, wenn ich aufgeregt bin. Gibt es dafür keine Pille? Hallo! Esther! Pille???

Esther: Du bist wirklich wie ein Mensch mit ADHS. Deine Prägung in deinen ersten 18 Monaten ist ja ziemlich schief gelaufen. Wir können nur versuchen, dass du so viel wie möglich nachholst. Du bist ja noch im lernfähigen Alter.

Jamie: Aber weggeben würdest du mich doch niemals, oder?

Esther: Natürlich nicht, du Dummkopf! Wenn du zufrieden mit der Welt in der Sonne liegst, oder mit anderen Hunden ausgelassen herumtobst, dann bin auch ich glücklich. Und dieses Glück wiegt alles andere bei Weitem auf.

So, und nun zurück zu Jamie. Erstens: Das Seelen-Lifting durch ein sehr gut aufgelegtes Wesen funktioniert auch zwischen Mensch und Hund. Jamie ist ein wirklicher Gewinn in meinem Leben. Er hilft mir mit unseren Spaziergängen und seinem fröhlichen Wesen dabei, zwischen meinen Arbeitszeiten wieder Kraft zu tanken.

Zweitens: Durch meine Arbeit bin ich trainiert, Informationen des Körpers meiner Patienten zu empfangen. Jamie stellte eine ganz neue Herausforderung für mich dar. Denn von meinen Patienten bekomme ich ein klares Feedback. Wenn ich sie frage, ob das stimmt, was ich gerade wahrgenommen habe, dann können sie mich unterstützen.

Bei Jamie klappt diese Kommunikation nicht so gut. Der Informationsfluss von mir zu ihm gelingt wunderbar: Wenn ich Jamie osteopathisch behandle, befinde ich mich auf sicherem Terrain; ich fühle, wo seine Verspannungen sitzen und wie er sich unter meinen Händen entspannt. Nur der umgekehrte Weg von Jamie zu mir birgt Probleme. Und zwar nicht etwa, weil der Informationsfluss in dieser Richtung nicht funktionieren würde. Jamie kann natürlich nicht reden, aber ich spüre sehr genau, was er fühlt – sogar viel besser als bei einem Menschen. Denn Hunde können nicht lügen! Sie sind immer authentisch und wägen ihr Verhalten nicht nach ihrem Vorteil ab. Sind sie nicht fantastisch, mit ihrer riesengroßen, verströmenden Herzensenergie!

Etwas ganz anderes stört den Informationsfluss von Jamie zu mir, und das bin ich selbst! Wenn ich Jamie mit meinen Gedanken etwas frage, empfange ich seine Antwort – und sofort drängelt sich mein Innerer Zweifler zwischen mich und Jamie und stellt seine Botschaften in Frage: Entspricht Jamies Antwort meinen eigenen Vorstellungen oder ist sie authentisch? Lese ich etwas in ihn hinein, was gar nicht da ist? Vermenschliche ich ihn? Und schon ist die Verbindung wieder abgerissen.

 

Nun geht’s weiter zur Wiese. Wir haben sie schon fast erreicht, da steigt mir ein betörender Duft von Patschuli und Amber in die Nase. Wie von Sinnen renne ich los, und da steht sie, eine Wüstenblume mitten in satter, grüner Wiese. Eine Hündin, so groß wie ich – der Funke springt sofort über. Kurz stoppen, Vorderpfoten nach vorne stemmen, Oberkörper nach unten neigen, um sie herum springen und dann lossprinten. Was für ein Spaß! Wir hopsen, rennen, rempeln, schlagen Haken und lassen uns ins Gras fallen. Robben langsam aufeinander zu, rollen auf den Rücken, knabbern zart an unseren Halsfalten und stecken die Schnauzen ineinander. Kurz bevor meine Sinne schwinden, rennen wir wieder über die Wiese, schlagen krachend unsere Brustkörbe gegeneinander, galoppieren im Kreis, um im gleichen Atemzug wieder genüsslich knabbernd auf der Wiese zu liegen.

Laila hat die Farbe der Steppe und ist schneller als der Wind. Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee komme, aber ich weiß genau: Wenn sie will, kann sie Löwen jagen. Für mich aber ist ihr Geruch das Allerschönste an ihr. Sie ist die Hündin meines Traumes, den ich unter dem Apfelbaum hatte. Endlich haben wir uns gefunden.

Wie in Watte gehüllt vernehme ich aus weiter Ferne den Ruf meines Namens: „Jamie, komm! Wir müssen gehen“. Ich überhöre den Ruf, schaue mich aber nach kurzer Zeit um, da Esthers Geruch immer schwächer wird. Ganz hinten am Ende des Weges sehe ich sie gerade noch um die Kurve biegen. Noch nie hat sie mich so eiskalt stehen lassen. Ich sende meiner Auserwählten schnell noch ein Bild, in dem wir uns morgen hier wiedertreffen und renne hinter Esther her.

***

Es ist ein Kinderspiel für mich, Esther dazu zu bringen, in ihrer Mittagspause nun immer denselben Weg zu laufen. Im Wünschen bin ich ja ein Meister und im Tierkommunikationskurs hat sie sich nicht allzu dumm angestellt. Ich glaube, es ist ihr noch nicht einmal bewusst, dass sie mit ihrer Regel bricht, möglichst abwechslungsreiche Wege für unsere Mittags-Spaziergänge auszuwählen. Doch auch wenn alles von meiner Seite aus wie geplant läuft, treffen wir Laila nicht wieder. Mehrere Tage hintereinander warte ich auf der Wiese vergebens. Wenn es Zeit ist zu gehen, trotte ich mit hängendem Kopf hinter Esther her. Sie wundert sich, dass ich sie nach diesen Spaziergängen nicht mehr im Behandlungsraum besuche, aber ich bleibe nun lieber oben im Büro in meinem Korb und träume von meiner Wüstenblume, meiner Löwenjägerin. Es ist mir auch egal, ob der blöde Kater vor der Tür liegt oder nicht. Solche Kleinigkeiten interessieren mich nun nicht mehr.

Ich muss Laila unbedingt wiedertreffen. Vermisst sie mich? Oder gibt es etwa einen anderen Rüden in ihrem Leben? Gerade habe ich mich in einen Traum hineinkatapultiert, in dem ich einen Rivalen zerfleische, als Esther in der Tür auftaucht. Eine Patientin musste kurzfristig absagen – Zeit für einen kleinen Extra-Spaziergang. Hastig springe ich in meinen Kofferraum, und genauso ungeduldig springe ich wieder heraus. Auf dem Weg zur Wiese renne ich einige Meter vor und wieder zurück, warum ist Esther auf ihren zwei Beinen nur so verdammt langsam?



Die wahre Liebe wird nicht aus der Vergangenheit heraus geboren.

Die wahre Liebe wird nicht aus der Zukunft heraus geboren.

Die wahre Liebe wird im Hier und Jetzt geboren.

„Buddha“